Google stellt amerikanische Schulen vor eine unbequeme Wahl. Ab Anfang 2027 sollen Gemini, Gemini Notebook, Gemini in Classroom und die Google-Suche auf Konten von Schülerinnen und Schülern der Klassen K-12 standardmäßig deaktiviert sein, bis die Schulverwaltung sie freischaltet. Der Haken: Die Suche gibt es für Schülerkonten nur noch mit KI-Funktionen. Ein Schulbezirk, der generative KI vollständig aussperren will, muss deshalb auch auf die Google-Suche verzichten.

Angekündigt hat Google das am 3. November im Rahmen seiner Bildungsoffensive „AI in the Learning Era 2026“. Innerhalb eines Tages wurde aus einer Produktmeldung ein politischer Streit, an dem sich ein US-Senator, der Bürgermeister von New York und die frühere Chefin der US-Wettbewerbsbehörde FTC beteiligen.

Was Google konkret angekündigt hat

Im Blogbeitrag von Chris Phillips, bei Google als Vice President und General Manager für den Bildungsbereich zuständig, steht der Kern in zwei Sätzen: Google überarbeitet die Steuerung für Gemini, Gemini Notebook, Gemini in Classroom und die Suche, und der Zugriff auf diese Produkte bleibt für K-12-Schülerkonten komplett aus, bis Administratoren ihn ausdrücklich aktivieren. Genauere Angaben will Google den Schulen „in den kommenden Monaten“ vor der Umstellung mitteilen. Den Zeitpunkt Anfang 2027 nennen New York Times und NBC News; im Blog selbst steht kein Datum.

Zum Vergleich: Gemini war in Google Classroom nach Angaben von NBC News in diesem Jahr automatisch für alle Schüler eingeschaltet, unabhängig vom Alter. Wer das nicht wollte, musste selbst aktiv werden. Auf den ersten Blick dreht Google diese Logik also zugunsten der Schulen um: Opt-in statt Opt-out.

Google-Schülerkonten (K-12, USA): die neuen Regeln
Grafik: dasTECHNO · Daten: Google Blog (3.11.2026), NBC News

Warum die Suche mit im Paket steckt

Der Streit entzündet sich an der vierten Position auf der Liste. Dass die Suche in einer Reihe mit drei KI-Produkten auftaucht, begründete Phillips gegenüber der New York Times damit, Suche und KI seien inzwischen eng miteinander verwoben. Tatsächlich blendet Google in den Ergebnissen längst KI-Übersichten ein, dazu kommt der KI-Modus als eigener Bereich.

Nach der ersten Welle der Kritik präzisierte Google laut NBC News: Schulen können die Suche einzeln freigeben, ohne dafür die Gemini-App oder Gemini Notebook einzuschalten. Was nicht geht, ist eine Suche ohne die eingebauten KI-Funktionen. Für Schulen bleiben damit drei Wege:

Entscheidung der SchuleErgebnis für Schülerkonten
Nichts tunWeder Gemini noch Google-Suche
Nur die Suche freischaltenSuche inklusive KI-Übersichten und KI-Modus, keine Gemini-App
Alles freischaltenGemini, Notebook, Classroom-KI und Suche

Eine klassische Google-Suche ohne generierte Antworten ist für Schülerkonten nicht vorgesehen. Ob Lehrkräfte- und Verwaltungskonten betroffen sind, geht aus Googles Ankündigung nicht hervor; sie spricht ausdrücklich von Schülerkonten.

Guided Learning: das Gegenangebot

Parallel bringt Google sein Lernwerkzeug Guided Learning in weitere Produkte. Die Funktion, bisher aus Gemini bekannt, soll Schülern nicht einfach die Lösung liefern, sondern sie mit Rückfragen und Zwischenschritten durch eine Aufgabe führen. Google spricht von „produktivem Ringen“ mit dem Stoff.

  • Google Classroom: Seit dem 3. November weltweit verfügbar. Lehrkräfte weisen eine Guided-Learning-Aktivität zu, die sich auf das Unterrichtsmaterial stützt; sie sehen dabei in Echtzeit, wo die Klasse hängt.
  • Google-Suche: Erkennt das System bei Schülerkonten bestimmte Hausaufgabenfragen, etwa eine eingefügte Physikaufgabe, soll es Denkanstöße statt der fertigen Antwort zeigen. Das startet noch im November als Pilot an ausgewählten US-Schulen; welche das sind, hat Google nicht gesagt.

Hier liegt auch Googles Argument für die Kopplung: Die Suche für Schüler soll selbst zum Lernwerkzeug mit KI werden. Belastbare Langzeitstudien zum Nutzen von KI in der Schule gibt es laut der von NBC zitierten SCALE-Initiative der Stanford University bislang allerdings nicht.

Heftige Reaktionen aus der Politik

Die Kritik kam schnell und von prominenter Seite. Senator Bernie Sanders sprach laut CNBC von „Erpressung“. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani schrieb auf Bluesky, Google versuche, seine Monopolmacht zu nutzen, um KI in die öffentlichen Schulen zu drücken. Lina Khan, bis 2025 Chefin der FTC, sieht in dem Vorgang ein Beispiel dafür, wie riskant es sei, wenn ein unregulierter Monopolist einen unverzichtbaren Dienst kontrolliert.

Auch aus dem Bildungsbereich kommt Widerspruch. Randi Weingarten, Präsidentin der Lehrergewerkschaft American Federation of Teachers, wirft Google vor, Geschäftsinteressen über die Bildung zu stellen. Die Kinderschutzorganisation Fairplay spricht von einem Versuch, Schulen zur Nutzung von Googles KI-Produkten zu zwingen.

Das Gewicht der Entscheidung erklärt sich aus Googles Stellung im US-Klassenzimmer: Chromebooks und Google Classroom sind dort weit verbreitet, und laut einem von NBC zitierten Schoolytics-Bericht von 2023 laufen fast zwei Drittel der Hausaufgaben über Google-Produkte.

Betrifft das Schulen in Deutschland?

Vorerst nicht. Googles Ankündigung bezieht sich auf K-12-Konten, also das US-Schulsystem; eine Übertragung auf Europa hat Google nicht angekündigt. Weltweit gilt nur der Start von Guided Learning in Classroom, also eine zusätzliche Funktion, keine Abschaltung.

Interessant ist der Vorgang trotzdem für europäische Leser, denn er berührt genau die Frage, die Brüssel seit Monaten mit Google verhandelt: Wie weit darf ein marktbeherrschender Konzern seine Dienste mit eigener KI verknüpfen? Gegen zwei Auflagen aus dem Digital Markets Act, die Android für fremde KI-Assistenten öffnen sollen, klagt Alphabet bereits vor dem EU-Gericht. Und auch beim Schutz Minderjähriger stehen KI-Anbieter unter Druck, wie die Klage mehrerer US-Bundesstaaten gegen OpenAI zeigt.

Häufige Fragen

Ab wann gilt die neue Regel?

Laut New York Times und NBC News ab Anfang 2027. Google selbst nennt im Blog kein Datum und will Schulen vorab informieren.

Können Schulen die Suche ohne Gemini freischalten?

Ja. Die Suche lässt sich getrennt von Gemini-App und Gemini Notebook aktivieren, enthält dann aber KI-Übersichten und den KI-Modus.

Was ist Guided Learning?

Ein Lernmodus, der Aufgaben Schritt für Schritt mit Rückfragen erklärt, statt die Lösung direkt zu nennen. In Google Classroom ist er seit dem 3. November weltweit verfügbar, in der Suche startet ein US-Pilot.

Ändert sich etwas für Schulen in Deutschland?

Eine Abschaltung von Gemini oder Suche für deutsche Schülerkonten hat Google nicht angekündigt. Ob die Regel später auch außerhalb der USA kommt, ist offen.