TikTok hat einen Rechtsstreit mit dem US-Bundesstaat Alabama kurz vor Prozessbeginn beigelegt. Das Unternehmen zahlt mindestens 100 Millionen US-Dollar und verpflichtet sich zu neuen Schutzfunktionen für Jugendliche, darunter ein Tageslimit von zwei Stunden für 13- bis 17-Jährige. Generalstaatsanwalt Steve Marshall gab die Einigung am Freitag, 25. September, bekannt. Es ist die erste Einigung von TikTok mit einem US-Bundesstaat in den laufenden Verfahren um Jugendschutz, und sie liefert eine Blaupause für eine Debatte, die auch in Brüssel und Berlin geführt wird.
Worum ging es in dem Verfahren?
Alabama hatte im April 2025 Klage erhoben. Der Vorwurf: TikTok habe seine App bewusst so gestaltet, dass Minderjährige möglichst lange darin verweilen, und die Risiken für Kinder und Jugendliche heruntergespielt. Der Prozess sollte am Montag, 28. September 2026, beginnen. Mit dem Vergleich endet das Verfahren, ohne dass TikTok ein Fehlverhalten einräumt; die Vereinbarung hält ausdrücklich fest, dass das Unternehmen die Vorwürfe bestreitet.
Marshall zeigte sich zufrieden. „Das ist ein großartiger Tag für die Eltern in Alabama“, erklärte er in der Mitteilung seiner Behörde. Ein TikTok-Sprecher sagte gegenüber US-Medien, die Einigung baue auf den bestehenden Sicherheitswerkzeugen für Teenager auf.
Welche Regeln gelten künftig für Jugendliche?
Die Auflagen betreffen alle Konten von Nutzern zwischen 13 und 17 Jahren in Alabama. Einige greifen sofort, andere erst in den kommenden Monaten.

- Zwei Stunden pro Tag: Das Limit setzt sich um Mitternacht zurück. Eltern können es über die verknüpfte Elternfunktion weiter senken, Jugendliche können es nicht selbst lockern. Nicht angerechnet werden laut Vereinbarung Suche, Nachrichten, Einstellungen und Videos ab zehn Minuten Länge.
- Nachtsperre: Zwischen 0 und 6 Uhr ist der Feed gesperrt. Nachrichten und Suche bleiben erreichbar.
- Ruhe bei Mitteilungen: Push-Benachrichtigungen bleiben von 22 bis 7 Uhr sowie werktags von 8 bis 15 Uhr aus.
- Pausenhinweise: Nach 15, 60 und 90 Minuten Nutzung blendet die App einen Hinweis ein.
- Kontakt zu Erwachsenen: Erwachsene sollen Konten von Teenagern schwerer finden können. Eltern werden bei auffälligen Kontaktversuchen informiert.
- Keine Beauty-Filter: Filter, die kosmetische Eingriffe simulieren, werden für Jugendliche gesperrt.
- Feed und Alter: Ein nicht personalisierter Feed soll für Jugendliche verfügbar werden, dazu kommt eine robustere Altersschätzung.
Zum Vergleich: Bislang setzt TikTok für unter 18-Jährige standardmäßig ein Limit von 60 Minuten, das sich aber per Code selbst verlängern lässt. Neu ist, dass die zwei Stunden eine harte Grenze sind, die nur Eltern verändern können.
Wie viel Geld fließt?
Garantiert sind 116,2 Millionen Dollar: 100 Millionen als Entschädigung, fällig bis 9. November, und 14,2 Millionen für Anwalts- und Verfahrenskosten. Weitere bis zu 183,8 Millionen Dollar werden fällig, wenn sich 10, 20, 30 und 40 weitere Bundesstaaten auf ähnliche Vereinbarungen einlassen. So käme Alabama auf höchstens 300 Millionen Dollar. Wofür das Geld verwendet wird, steht noch nicht fest. Nach Angaben der Behörde dürfte es zunächst in den allgemeinen Haushalt fließen.
Warum ist das auch für Deutschland interessant?
Formal gilt der Vergleich nur in Alabama. Er zeigt aber, wohin die Reise geht. Schon im August hatte Meta mit 47 Bundesstaaten eine Einigung im Umfang von 17,1 Milliarden Dollar geschlossen, die ähnliche Zeitlimits, Pausen und Nachtsperren vorsieht. Zwei der größten Plattformen akzeptieren damit in den USA verbindliche Grenzen für die Nutzungszeit von Jugendlichen.
In der EU läuft ein eigenes Verfahren. Die Kommission kam im Februar 2026 vorläufig zu dem Schluss, dass TikToks Design gegen den Digital Services Act verstößt. Kritisiert wurden unter anderem endloses Scrollen, automatisches Abspielen, Push-Mitteilungen und das Empfehlungssystem. Eine abschließende Entscheidung steht aus; möglich sind Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Wie Brüssel parallel mit X umgeht, lesen Sie in unserem Bericht zum DSA-Streit um X.
In Deutschland hat die von Familienministerin Karin Prien eingesetzte Expertenkommission ihren Abschlussbericht am 11. September übergeben. Kernempfehlung ist ein gesetzliches Mindestalter von 13 Jahren für soziale Netzwerke. Ein Gesetzentwurf soll in den kommenden Wochen folgen. Konkrete Zeitlimits wie in Alabama sind darin bislang nicht bekannt.
Was können Eltern schon jetzt tun?
Auch ohne neue Gesetze lassen sich TikToks bestehende Funktionen nutzen. Über den Begleiteten Modus (Family Pairing) können Eltern das Konto ihres Kindes mit dem eigenen verknüpfen, das Tageslimit festlegen, Ruhezeiten für Mitteilungen einstellen und Direktnachrichten einschränken. Ergänzend lohnt ein Blick in die Systemeinstellungen des Smartphones: Bildschirmzeit (iOS) und Digital Wellbeing (Android) erlauben App-Limits unabhängig von TikTok. Weitere Hinweise finden Sie in unserem Ratgeber zu Datenschutz-Einstellungen am Smartphone. Einen ähnlichen Schritt Richtung Altersprüfung hat zuletzt Discord mit seiner Altersverifikation gemacht.
Häufige Fragen
Gilt das Zwei-Stunden-Limit auch in Deutschland?
Nein. Die Vereinbarung betrifft nur Konten in Alabama. In Deutschland gilt weiterhin das bisherige Standardlimit von 60 Minuten, das Jugendliche selbst verlängern können, sofern Eltern es nicht über den Begleiteten Modus festlegen.
Hat TikTok Fehler eingeräumt?
Nein. Der Vergleich enthält kein Schuldeingeständnis, TikTok bestreitet die Vorwürfe.
Welche Bundesstaaten klagen noch gegen TikTok?
Im Oktober 2024 hatten 13 Bundesstaaten und Washington, D.C. separate Klagen eingereicht, angeführt von Kalifornien und New York. Diese Verfahren laufen weiter. Die gestaffelten Zusatzzahlungen an Alabama zeigen, dass weitere Einigungen erwartet werden.
Wann entscheidet die EU über TikTok?
Einen Termin gibt es nicht. Nach den vorläufigen Feststellungen vom Februar kann TikTok Stellung nehmen und Änderungen anbieten, bevor die Kommission entscheidet.
_Titelbild: Solen Feyissa, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons._











