Die Big Brother Awards 2026 sind vergeben: Am Freitagabend, dem 25. September, hat der Bürgerrechtsverein Digitalcourage in der Hechelei in Bielefeld sechs Negativpreise für besonders fragwürdigen Umgang mit Daten verliehen. Unter den Preisträgern sind die Deutsche Telekom, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die Optikerketten Fielmann und Apollo-Optik, die EU-Kommission und die Evangelische Nordkirche. Auffällig in diesem Jahr: Fast alle Fälle drehen sich um die Abhängigkeit von US-Technik oder um neue Wege, Daten zusammenzuführen.
Wer hat 2026 einen Big Brother Award bekommen?
Die Jury, an der neben Digitalcourage auch Vertreter weiterer Bürgerrechts- und Datenschutzorganisationen wie dem Chaos Computer Club und der Deutschen Vereinigung für Datenschutz beteiligt sind, vergibt die Preise nach Kategorien. Die Übersicht:
| Kategorie | Preisträger | Worum es geht |
|---|---|---|
| Europa/EU | EU-Kommission | Digital-Omnibus: geplante Lockerungen der DSGVO |
| Behörden & Verwaltung | Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) | Steuer-ID als behördenübergreifende Kennnummer |
| Technik | Fielmann und Apollo-Optik | Verkauf der Kamerabrille Ray-Ban Meta |
| Zivilgesellschaft | Evangelische Nordkirche | Pflicht zu Microsoft-Diensten für Gemeinden |
| Präventiv-Preis | Deutsche Telekom | Mögliche Verschmelzung mit T-Mobile US |
Warum die Telekom einen „präventiven“ Preis erhält
Ungewöhnlich ist der Preis für die Deutsche Telekom. Er bezieht sich nicht auf einen bereits erfolgten Datenschutzverstoß, sondern auf Überlegungen, die Bonner Mutter und ihre amerikanische Beteiligung T-Mobile US enger zusammenzuführen. Die Laudatorin Rena Tangens von Digitalcourage argumentiert, es sei völlig offen, was ein solcher Schritt für die Daten deutscher Telekom-Kunden bedeuten würde – etwa wenn die maßgebliche Konzernzentrale künftig stärker dem Zugriff von US-Behörden ausgesetzt wäre.
Die Telekom wies den Preis zurück. Ein Sprecher erklärte laut dpa, man äußere sich nicht zu unbestätigten Gerüchten. Konkrete Fusionspläne hat der Konzern bislang nicht offiziell angekündigt. Für Kunden ändert sich damit derzeit nichts; ihre Verträge und Daten unterliegen weiterhin deutschem und europäischem Recht.
Smart Glasses: Kritik an Fielmann und Apollo-Optik
In der Kategorie Technik trifft es zwei Händler, nicht den Hersteller: Fielmann und Apollo-Optik vertreiben die Ray-Ban Meta in ihren Filialen. Die Laudatio von Elisabeth Niekrenz nennt die Brillen ein Werkzeug für heimliche Foto-, Video- und Tonaufnahmen im Alltag. Die LED, die eine laufende Aufnahme anzeigen soll, sei bei Sonnenlicht oder aus größerer Entfernung kaum zu erkennen. Die Laudatio verweist außerdem auf Fälle, in denen Frauen ohne ihr Wissen gefilmt und die Aufnahmen in sozialen Netzwerken verbreitet wurden.
Meta und die Optiker hatten ähnliche Vorwürfe zuvor zurückgewiesen und auf das sichtbare Lichtsignal verwiesen. Deutsche Aufsichtsbehörden sehen das kritischer: Erst diese Woche hat die Datenschutzkonferenz festgehalten, dass Träger von Smart Glasses selbst für Aufnahmen haften und die LED als Hinweis nicht ausreicht.

Dobrindt, EU-Kommission und Nordkirche
Alexander Dobrindt erhält den Preis in der Kategorie Behörden & Verwaltung. Im Zuge der Registermodernisierung soll die Steuer-Identifikationsnummer als gemeinsame Kennnummer über viele Verwaltungsbereiche hinweg dienen. Digitalcourage befürchtet, dass sich so umfassende Persönlichkeitsprofile aus Daten verschiedener Behörden erstellen ließen – genau das sollte die ursprüngliche Zweckbindung der Steuer-ID verhindern.
Die EU-Kommission wird für den Digital-Omnibus ausgezeichnet. Das Gesetzespaket soll Digitalregeln vereinfachen, würde nach Ansicht der Jury aber zentrale Stellen der DSGVO aufweichen: etwa die Definition personenbezogener Daten, das Auskunftsrecht und die Frage, ob KI-Training auf das „berechtigte Interesse“ gestützt werden kann. Wie Unternehmen selbst zur DSGVO-Reform stehen, zeigte zuletzt eine Bitkom-Umfrage.
Die Nordkirche verpflichtet ihre Gemeinden laut Laudatio von Dr. Thilo Weichert zur Nutzung von Microsoft-Diensten. Damit landeten auch sensible Daten aus Seelsorge und Gemeindearbeit in der Cloud eines US-Konzerns.
Was bedeutet das für Sie?
Die Big Brother Awards haben keine rechtlichen Folgen. Sie werden seit 2000 verliehen und sollen Debatten anstoßen. Einige der diesjährigen Themen betreffen Verbraucher aber ganz direkt:
- Smart-Glasses-Besitzer sollten wissen, dass sie nach Ansicht der Aufsichtsbehörden für Aufnahmen fremder Personen selbst nach DSGVO verantwortlich sind.
- Steuer-ID: Ob und wie die Nummer zum übergreifenden Kennzeichen wird, entscheidet sich im Gesetzgebungsverfahren. Beschlossen ist noch nichts Endgültiges.
- Telekom-Kunden müssen derzeit nichts tun. Relevant würde das Thema erst, wenn der Konzern tatsächlich eine Umstrukturierung ankündigt.
- Digital-Omnibus: Die Vorschläge werden noch im EU-Parlament und im Rat verhandelt; Änderungen an der DSGVO würden frühestens nach deren Zustimmung gelten.
Häufige Fragen
Was sind die Big Brother Awards?
Ein Negativpreis für Unternehmen, Behörden und Personen, die aus Sicht der Jury Privatsphäre und Datenschutz besonders missachten. Organisiert wird er von Digitalcourage aus Bielefeld.
Hat die Auszeichnung rechtliche Konsequenzen?
Nein. Es handelt sich um einen symbolischen Preis ohne Bußgeld oder behördliche Wirkung.
Nehmen die Preisträger die Awards an?
In der Regel nicht. Die Telekom lehnte in diesem Jahr ausdrücklich eine Stellungnahme ab.










