Acht Jahre nach dem Start der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) fällt das Urteil der deutschen Wirtschaft deutlich aus: In einer neuen Umfrage des Digitalverbands Bitkom sprechen sich 90 Prozent der Unternehmen für eine Reform der DSGVO aus. Noch größer ist der Wunsch, die Aufsicht umzubauen: 93 Prozent wollen Änderungen bei den Datenschutzbehörden, 85 Prozent eine zentrale Aufsicht für ganz Deutschland. Der Verband betont allerdings, es gehe um „Verhältnismäßigkeit“ und nicht um weniger Datenschutz.

Wer wurde befragt?

Die Zahlen stammen von Bitkom Research. Befragt wurden im Auftrag des Verbands 605 Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten in Deutschland, und zwar zwischen der 28. und der 33. Kalenderwoche 2026, also von Mitte Juli bis Mitte August. Bitkom bezeichnet die Stichprobe als repräsentativ für die Gesamtwirtschaft. Die Ergebnisse hat der Verband im Vorfeld seiner Privacy Conference veröffentlicht, die vom 29. bis 30. September als Hybrid-Veranstaltung in der Hauptstadt läuft. Als Rednerinnen und Redner angekündigt sind unter anderem EU-Justizkommissar Michael McGrath und Thomas Zerdick von der Behörde des Europäischen Datenschutzbeauftragten.

Wichtig für die Einordnung: Bitkom ist ein Interessenverband der Digitalwirtschaft. Die Umfrage zeigt, wie Unternehmen die Lage einschätzen; sie sagt nichts darüber aus, wie Verbraucherinnen und Verbraucher oder Datenschutzbehörden die DSGVO bewerten.

Die wichtigsten Zahlen

Datenschutz aus Sicht der Unternehmen
Grafik: dasTECHNO · Daten: Bitkom Research, Umfrage KW 28–33/2026

Fast alle Firmen beschreiben den Aufwand als hoch: 92 Prozent sagen das, 42 Prozent sprechen von einem sehr hohen Aufwand. 71 Prozent haben im vergangenen Jahr sogar mehr Arbeit mit dem Datenschutz gehabt als zuvor. Ein Unternehmen, das gar keine Schwierigkeiten meldet, gab es in der Befragung laut Bitkom nicht.

Wo es konkret hakt, zeigt die folgende Übersicht:

ProblemAnteil der Unternehmen
Dokumentationspflichten sind die größte Last84 %
Rechtliche Anforderungen sind schwer zu klären68 %
Technische Umsetzung bereitet Probleme65 %
Informationspflichten sind schwierig61 %
DSGVO erschwert Geschäftsprozesse88 %

Warum steht die Aufsicht so in der Kritik?

In Deutschland ist die Datenschutzaufsicht auf den Bundesbeauftragten und die Landesbehörden verteilt. Unternehmen, die in mehreren Bundesländern tätig sind, klagen seit Jahren über unterschiedliche Auslegungen. Die Umfrage liefert dazu Zahlen: 64 Prozent der Firmen haben sich schon einmal mit einer Frage an eine Aufsichtsbehörde gewandt. 37 Prozent gaben an, auf eine Anfrage keine Antwort erhalten zu haben. Die Zufriedenheit mit der Unterstützung liegt im Schnitt bei 2,9 von 5 Punkten.

Susanne Dehmel aus der Bitkom-Geschäftsleitung nennt das kein Detail, sondern ein strukturelles Problem. Entsprechend deutlich sind die Wünsche: 85 Prozent wollen eine zentrale Aufsicht in Deutschland, 80 Prozent eine Bündelung auf EU-Ebene, 82 Prozent eine bessere Abstimmung zwischen den Behörden und 76 Prozent eine zentrale Datenbank mit den Entscheidungen der Aufsicht.

Was Unternehmen konkret ändern wollen

  • Weniger Dokumentation bei Verarbeitungen mit geringem Risiko: 89 Prozent
  • Einheitliche Auslegung durch die Aufsichtsbehörden: 76 Prozent
  • Mehr Rechtssicherheit bei Interessenabwägungen: 73 Prozent
  • Abstimmung mit dem AI Act: 69 Prozent
  • Meldung von Datenpannen nur noch bei hohem Risiko: 62 Prozent
  • Weniger Einwilligungen für Cookies und Tracking: 61 Prozent

Gerade der Punkt Datenpannen dürfte umstritten sein: Heute muss eine Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten grundsätzlich binnen 72 Stunden an die Aufsicht gemeldet werden, es sei denn, sie führt voraussichtlich nicht zu einem Risiko für die Betroffenen. Eine Anhebung der Schwelle würde bedeuten, dass Behörden von weniger Vorfällen erfahren.

KI als neuer Reibungspunkt

Die Umfrage zeigt, dass sich der Konflikt zunehmend um künstliche Intelligenz dreht. 78 Prozent der Firmen empfinden die Datenschutzprüfung von KI-Projekten als zunehmend aufwendig, 56 Prozent fühlen sich von den Fragen überfordert, und 50 Prozent sagen, der Datenschutz behindere den KI-Einsatz. 57 Prozent wünschen sich ausdrücklich, personenbezogene Daten für die Entwicklung und das Training von KI nutzen zu dürfen.

Auch bei der Anbieterwahl wirkt sich der Datenschutz aus: 42 Prozent haben wegen Datenschutzbedenken schon auf Produkte von außerhalb der EU verzichtet. Konkret verzichteten 59 Prozent auf Lösungen aus China und 39 Prozent auf Angebote aus den USA. Wer wissen will, wie groß Konzerne das Thema Speicherort inzwischen nehmen, findet ein aktuelles Beispiel in der neuen Datenstandort-Einstellung von Microsoft 365.

Was bedeutet das für die DSGVO-Reform in Brüssel?

Die Forderungen fallen in eine entscheidende Phase. Die EU-Kommission hat mit dem sogenannten Digital Omnibus vorgeschlagen, mehrere Digitalgesetze zu vereinfachen, darunter auch Teile der DSGVO. Der Teil zu Datenschutz, ePrivacy, NIS2 und DORA wird noch verhandelt: Im Rat laufen die Gespräche unter irischer Ratspräsidentschaft seit September wieder, im Europäischen Parlament gibt es noch keine Position des zuständigen Ausschusses. Mit einer Verabschiedung wird frühestens Ende 2026 gerechnet. Bitkom sieht im Omnibus eine Chance auf Entlastung, verlangt aber weitergehende Schritte.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher ändert sich durch die Umfrage selbst nichts: Ihre Rechte auf Auskunft, Löschung und Widerspruch gelten unverändert. Entscheidend wird sein, welche der Wünsche am Ende tatsächlich im Gesetz landen. Eine zentrale deutsche Datenschutzaufsicht wiederum wäre eine nationale Frage und hätte mit dem EU-Verfahren nichts zu tun; konkrete Pläne der Bundesregierung dazu nennt die Bitkom-Mitteilung nicht.

Häufige Fragen

Wer steckt hinter der Umfrage?

Der Digitalverband Bitkom hat die Befragung bei Bitkom Research in Auftrag gegeben. Teilgenommen haben 605 Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten.

Will die Wirtschaft die DSGVO abschaffen?

Nein. Laut Bitkom halten nur 5 Prozent gar keine Reform für nötig, eine Abschaffung wird nicht gefordert. Der Verband spricht von Verhältnismäßigkeit statt Deregulierung.

Wann könnte sich an der DSGVO etwas ändern?

Die Änderungen im Rahmen des Digital Omnibus werden noch zwischen Rat und Parlament verhandelt. Eine Einigung wird frühestens Ende 2026 erwartet, danach folgen Übergangsfristen. Ein genaues Datum gibt es noch nicht.

Ändert sich für Verbraucher etwas?

Vorerst nicht. Die Umfrage ist eine Forderung der Wirtschaft, kein Gesetz. Ihre Rechte nach der DSGVO gelten weiter.