Die weltgrößte Kryptobörse Binance ist Opfer eines Angriffs geworden, der alle bisherigen Fälle in den Schatten stellen könnte. Nach vorläufigen Angaben des Unternehmens sind in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Kryptowerte im Wert von rund 6,3 Milliarden US-Dollar abgeflossen, umgerechnet etwa 5,7 Milliarden Euro. Binance stoppte daraufhin Ein- und Auszahlungen. Inzwischen sind Einzahlungen wieder möglich, Auszahlungen sollen in den kommenden 48 Stunden folgen.
Wie die Angreifer hineinkamen, wie viel Geld gesichert werden konnte und was Binance-Kunden in Deutschland jetzt beachten sollten: der aktuelle Stand im Überblick.
Was ist bei Binance passiert?
Die ungewöhnlichen Abflüsse begannen laut veröffentlichten Zeitabläufen am Donnerstag, 29. Oktober, gegen 21:24 Uhr deutscher Zeit. Betroffen waren sogenannte Hot Wallets im Ethereum-Netz, also permanent mit dem Internet verbundene Börsen-Wallets, aus denen Kundenauszahlungen schnell bedient werden. Nach Berichten erstreckten sich die Transaktionen auf rund zehn Blockchains und liefen innerhalb von etwa 20 Minuten ab.
Gegen 0:15 Uhr setzte Binance Auszahlungen in mehreren Netzen „vorsorglich“ aus. Um 2:13 Uhr deutscher Zeit folgte die vollständige Pause für Ein- und Auszahlungen, bis die Sicherheitsprüfung abgeschlossen ist. Das US-Portal TechCrunch berichtete bereits am Donnerstagabend über die gestoppten Auszahlungen und zunächst über Abflüsse von mindestens 2 Milliarden Dollar; Schätzungen stiegen danach im Stundentakt.
Wie kamen die Angreifer ins System?
Binance hat erste Ergebnisse seiner Untersuchung über den offiziellen X-Account veröffentlicht. Demnach könnte der Ausgangspunkt der Laptop eines DevOps-Ingenieurs gewesen sein. Über dieses Gerät verschaffte sich der Angreifer Zugriff auf einen Service-Container und schickte von dort nicht autorisierte Auszahlungsaufträge ab.
Entscheidend ist ein Detail: Binance hat nach eigener Aussage keine Belege dafür gefunden, dass private Schlüssel der Wallets abgeflossen sind. Die Angreifer haben die Wallets also offenbar nicht direkt übernommen, sondern die internen Abläufe der Börse missbraucht, um Auszahlungen anzustoßen, die für das System legitim aussahen. Wie genau der Laptop kompromittiert wurde, ist noch nicht bekannt.
Die Blockchain-Analysefirmen TRM Labs und Chainalysis ordnen den Angriff mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ nordkoreanischen Akteuren zu, TRM nennt konkret die Gruppe TraderTraitor. Eine offizielle Zuordnung durch Behörden liegt bisher nicht vor.
Wie viel Geld ist weg, wie viel eingefroren?
Die Zahlen haben sich in den vergangenen Stunden mehrfach verändert. Der Stand am Freitagvormittag:
| Punkt | Stand 30.10.2026, vormittags |
|---|---|
| Betroffene Werte (Binance-Schätzung) | ca. 6,3 Mrd. $ (≈ 5,7 Mrd. €) |
| Insgesamt eingefroren | ca. 3 Mrd. $ (≈ 2,7 Mrd. €) |
| davon Tether (USDT) | ca. 1,57 Mrd. $ |
| davon Circle (USDC) | ca. 800 Mio. $ |
| davon Ripple | ca. 200 Mio. $ |
| Private Wallet-Schlüssel | laut Binance kein Hinweis auf Abfluss |
| Einzahlungen | laufen wieder normal |
| Auszahlungen | ausgesetzt, Rückkehr binnen 48 Stunden angekündigt |
| Ausgleich der Verluste | SAFU-Fonds und Unternehmensmittel |
Euro-Werte: ungefähre Umrechnung zum EZB-Referenzkurs vom 29.10.2026 (1 € = 1,1130 $).
Dass so viel gestoppt werden konnte, liegt an den Stablecoins: Herausgeber wie Tether und Circle können ihre Token auf bestimmten Adressen sperren. Bei Ether und anderen dezentralen Coins gibt es diese Möglichkeit nicht. Der nicht eingefrorene Rest von gut 3 Milliarden Dollar dürfte deshalb deutlich schwerer zurückzuholen sein. Chainalysis beziffert den Schaden mit 6,4 Milliarden Dollar etwas höher als Binance; eine endgültige Zahl soll der angekündigte Abschlussbericht der Börse liefern.

Ist das Geld der Kunden sicher?
Binance versichert, dass Kundengelder sicher seien. Co-Gründerin und Co-CEO Yi He kündigte an, die Börse werde sämtliche Verluste aus dem Hack ersetzen. Dafür stehen der 2018 eingerichtete Notfallfonds SAFU (Secure Asset Fund for Users) und eigene Mittel des Unternehmens bereit. Auch Gründer Changpeng Zhao schrieb auf X, er erwarte eine vollständige Deckung der Kundengelder.
Zur Einordnung: Das sind Zusagen des Unternehmens, eine unabhängige Prüfung gibt es noch nicht. Positiv ist, dass Einzahlungen laut Yi He nicht betroffen sind und bereits wieder normal funktionieren. Für die Auszahlungen arbeitet Binance nach ihren Worten an Verbesserungen der Auszahlungsfunktion und der zugehörigen Adresskontrollen; eine genaue Uhrzeit für die Wiederaufnahme nannte sie nicht.
Was bedeutet das für Nutzer in Deutschland?
Binance hat auch in Deutschland viele Nutzer. Für sie gilt nach bisherigem Stand dasselbe wie für Kunden weltweit: Guthaben sind sichtbar, können aber bis auf Weiteres nicht abgezogen werden. Eine Stellungnahme der Finanzaufsicht BaFin oder des BSI zum Vorfall lag bis Freitagvormittag nicht vor. Wichtig zu wissen: Kryptoguthaben auf einer Börse fallen nicht unter die gesetzliche Einlagensicherung, die bei deutschen Bankkonten bis 100.000 Euro greift. Der Schutz hängt hier allein an den Zusagen von Binance.
Nach großen Hacks folgt zudem fast immer eine Welle von Betrugsversuchen. Rechnen Sie in den kommenden Tagen mit E-Mails, SMS und Nachrichten in sozialen Netzwerken, die angeblich bei der „Rettung“ Ihres Guthabens helfen. So schützen Sie sich:
- Nur offizielle Kanäle nutzen: Informationen ausschließlich in der Binance-App, auf binance.com und über den verifizierten X-Account abrufen. Links in Nachrichten nicht anklicken. Unser Ratgeber zeigt, wie Sie Phishing erkennen.
- Keine Codes und Seed-Phrasen weitergeben: Kein seriöser Anbieter fragt nach Passwort, 2FA-Code oder Wiederherstellungswörtern.
- Kontoschutz prüfen: Falls noch nicht geschehen, die Zwei-Faktor-Authentifizierung einrichten, am besten per Authenticator-App oder Passkey statt SMS.
- Keine überstürzten Entscheidungen: Solange Auszahlungen ruhen, können die Kurse stark schwanken. Dies ist keine Anlageberatung.
Wie hat der Markt reagiert?
Bitcoin gab laut Yahoo Finance um mehr als 3 Prozent auf rund 76.368 Dollar nach, Ether fiel ebenfalls um gut 3 Prozent auf etwa 2.178 Dollar. Der Binance-eigene Token BNB verlor rund 5 Prozent auf 709,70 Dollar. Auch die Aktie der US-Börse Coinbase gab um 4,8 Prozent nach.
Hintergrund: Ein Rekord mit Ansage?
Der bisher größte bekannte Börsenhack traf im Februar 2025 Bybit, damals wurden Ether im Wert von rund 1,4 Milliarden Dollar gestohlen. Das FBI schrieb den Angriff Nordkorea zu. Bestätigt sich die Binance-Schätzung, wäre der neue Fall gut viermal so groß. Erst Ende September hatte es mit Bitget eine weitere große Börse getroffen.
Bemerkenswert ist der Angriffsweg: Nicht eine Schwachstelle in der Wallet-Technik, sondern ein einzelner Arbeitsrechner öffnete offenbar die Tür. Angreifergruppen nehmen seit Längerem gezielt Entwickler und Administratoren ins Visier, weil deren Zugänge besonders weit reichen. Binance will nach Abschluss der Untersuchung einen ausführlichen Bericht veröffentlichen.
Häufige Fragen
Wie viel wurde bei Binance gestohlen?
Nach vorläufiger Binance-Schätzung sind Werte von rund 6,3 Milliarden Dollar (etwa 5,7 Milliarden Euro) betroffen. Rund 3 Milliarden Dollar davon wurden eingefroren. Die endgültige Summe steht noch aus.
Kann ich bei Binance wieder Geld auszahlen?
Noch nicht. Einzahlungen laufen wieder, für Auszahlungen hat Binance eine Rückkehr innerhalb von 48 Stunden angekündigt, ohne genaue Uhrzeit.
Verlieren Kunden ihr Guthaben?
Binance sagt nein und will alle Verluste aus dem SAFU-Fonds und Eigenmitteln ersetzen. Eine gesetzliche Einlagensicherung wie bei Banken gibt es für Kryptoguthaben nicht.
Wer steckt hinter dem Angriff?
Die Analysefirmen TRM Labs und Chainalysis vermuten nordkoreanische Hacker, TRM nennt die Gruppe TraderTraitor. Eine behördliche Bestätigung fehlt bislang.











