Der WordPress-Dienstleister Automattic hat nach einem kurzen, aber heftigen Machtkampf ein komplett neues Board. Wie TechCrunch am 25. September 2026 berichtete, gab CEO Matt Mullenweg die neuen Direktoren intern über Slack bekannt. Das alte Gremium hatte ihn Anfang September in einen bezahlten Urlaub geschickt – eine Entscheidung, die nur rund anderthalb Tage Bestand hatte. Für Menschen, die mit WordPress arbeiten, stellt sich vor allem eine Frage: Hat das Folgen für ihre Websites?

Wer sitzt jetzt im Board von Automattic?

Die neue Besetzung ist ungewöhnlich für ein Unternehmen, das zu den wichtigsten Akteuren im Web gehört. Laut TechCrunch gehören dazu:

  • Hugh Howey, Science-Fiction-Autor und Schöpfer der „Silo“-Reihe
  • Amy Chan, Autorin des Ratgebers „Breakup Bootcamp“
  • Henry (Genrikh) Khachatryan und Krutal Desai, Mitgründer der inzwischen eingestellten Social-App IRL

Dazu kommen drei Berater: der frühere Start-up-CTO Jaime Waydo, June-Mitgründer Matt Van Horn und KISSmetrics-Mitgründer Hiten Shah. Klassische Aufsichtsprofile aus Finanzwelt oder Großkonzernen fehlen. In der internen Mitteilung stellte Mullenweg laut TechCrunch zudem klar, dass er nach dem Recht des US-Bundesstaats Delaware derzeit CEO, Präsident, Schatzmeister und Sekretär in einer Person ist.

Was ist im September bei Automattic passiert?

Die Vorgeschichte ist kurz, aber dicht. Am 9. September stimmte das damalige Board – Ann Dunwoody, Toni Schneider und Sue Decker – dafür, Mullenweg bezahlt zu beurlauben. Nach Recherchen von 404 Media erhielt er den Beschlussentwurf nur 50 Minuten vor der Sitzung und stimmte selbst dagegen. Finanzchef Mark Davies sollte übergangsweise die Führung übernehmen. Öffentliche Gründe für den Schritt hat das Board bis heute nicht genannt.

Mullenweg akzeptierte die Entscheidung nicht. Am 11. September meldete er sich in der Firmen-Kommunikation zurück, entzog anderen Administratoren die Rechte im Firmen-Slack und sprach von einem Komplott gegen ihn. Am 12. September bestätigte Automattic offiziell, dass er wieder Chairman und CEO ist – „mit voller Unterstützung des Boards“. Nach Angaben des Unternehmens war er genau 33 Stunden und 20 Minuten nicht im Amt.

Automattic: Machtkampf um Matt Mullenweg im September 2026
Grafik: dasTECHNO · Daten: TechCrunch, 404 Media, ComputerBase

Danach folgte der Umbau: Toni Schneider, früherer Automattic-Chef und heute CEO von Bluesky, trat ebenso zurück wie Sue Decker. Die ehemalige US-Generalin Ann Dunwoody wurde von Mullenweg abberufen. Finanzchef Davies und Chefjurist Andy Missan haben das Unternehmen verlassen.

Warum konnte Mullenweg das Board einfach austauschen?

Der Schlüssel liegt in der Eigentümerstruktur. Mullenweg sagte bereits auf der TechCrunch Disrupt 2024, dass er 84 Prozent der Stimmrechte kontrolliert. Damit kann er Direktoren abberufen und neue einsetzen, ohne auf andere Anteilseigner angewiesen zu sein. Der Fall zeigt, wie begrenzt die Kontrollmöglichkeiten eines Boards sind, wenn ein Gründer die Stimmenmehrheit hält.

Was bedeutet das für WordPress-Nutzer in Deutschland?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen den Angeboten:

AngebotBetreiberDirekt betroffen?
WordPress.com (gehostete Blogs und Websites)AutomatticKeine Änderungen angekündigt
WooCommerce (Shop-Plugin)AutomatticKeine Änderungen angekündigt
Tumblr, Pocket CastsAutomatticKeine Änderungen angekündigt
WordPress-Software (Open Source, selbst gehostet)Community-Projekt, WordPress.orgNein – Software und Lizenz (GPL) bleiben

Die freie WordPress-Software läuft laut W3Techs auf gut 40 Prozent aller Websites weltweit. Sie steht unter der GPL und hängt nicht vom Board eines einzelnen Unternehmens ab. Allerdings ist Mullenweg die zentrale Figur des Projekts: WordPress.org, von wo Updates und Plugins kommen, wird nicht von Automattic, sondern von ihm persönlich kontrolliert. Diese Machtkonzentration war schon 2024 im Streit mit dem Hoster WP Engine Thema.

Praktisch lief der Betrieb weiter: Mitten in der Unruhe erschien am 22. September das Sicherheitsupdate WordPress 7.1.2 gegen die kritische Lücke CVE-2026-87902. Wer es noch nicht eingespielt hat, sollte das nachholen – Details in unserem Beitrag zur WordPress-Lücke CVE-2026-87902.

Wie geht es weiter?

Offen bleibt der Rechtsstreit mit WP Engine um Markenrechte und Beiträge zum Open-Source-Projekt, in dem WP Engine Mullenweg laut Gerichtsunterlagen auch die Vernichtung von Beweisen vorwirft. Für Unternehmen, die WordPress.com oder WooCommerce geschäftlich nutzen, ist die Lage vor allem eine Governance-Frage: Ein Board ohne unabhängige Gegenstimmen macht Entscheidungen schneller, aber weniger kontrollierbar. Mullenweg selbst gibt die Richtung vor – die kommenden sechs Monate würden über die nächsten 20 Jahre entscheiden, schrieb er an die Belegschaft.

Häufige Fragen

Muss ich wegen des Machtkampfs etwas an meiner WordPress-Seite ändern?

Nein. Für selbst gehostete WordPress-Installationen, WordPress.com und WooCommerce wurden keine Änderungen angekündigt. Wichtig bleibt, Sicherheitsupdates wie Version 7.1.2 zeitnah einzuspielen.

Ist Automattic dasselbe wie WordPress?

Nein. WordPress ist freie Open-Source-Software. Automattic ist ein Unternehmen, das kommerzielle Dienste wie WordPress.com, WooCommerce und Tumblr betreibt und viel zur Entwicklung beiträgt.

Warum wollte das alte Board Mullenweg beurlauben?

Offiziell wurden keine Gründe genannt. Berichte verweisen auf das Umfeld aus Rechtsstreit mit WP Engine und internen Konflikten, eine bestätigte Begründung gibt es aber nicht.

Wer ist Hugh Howey?

Ein US-Science-Fiction-Autor, bekannt durch die „Silo“-Romane, die als Apple-TV-Serie verfilmt wurden. Laut Runtime Wire kennt er Mullenweg von einer gemeinsamen Wanderung auf dem Jakobsweg 2018.

Titelbild: Kimberly White/Getty Images for TechCrunch, CC BY 2.0 (Wikimedia Commons)