Wo bis vor wenigen Jahren Atomstrom erzeugt wurde, könnten künftig Grafikprozessoren rechnen. PreussenElektra, die Kernenergie-Tochter von E.ON, und der Chipkonzern NVIDIA wollen gemeinsam untersuchen, ob sich ehemalige Kernkraftwerksstandorte für sogenannte KI-Fabriken eignen – also große Rechenzentren, in denen KI-Modelle trainiert und betrieben werden. Angekündigt hat das Vorhaben Guido Knott, Vorsitzender der Geschäftsführung von PreussenElektra, am 21. Oktober 2026.

Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Prüfung, nicht um ein Bauprojekt. Beide Unternehmen betonen, dass damit derzeit keine Investitions- oder Standortentscheidungen verbunden sind.

Was genau wird geprüft?

PreussenElektra ist in Deutschland für den Rückbau von acht früheren Kernkraftwerken verantwortlich. Für diese Flächen wird nun geklärt, ob Netzanschluss, Gebäude- und Versorgungstechnik und freie Grundstücke ausreichen, um die Ansprüche großer KI-Rechenzentren im Bau und im laufenden Betrieb zu erfüllen. Am Anfang stehen technische, wirtschaftliche und regulatorische Fragen.

Knott verweist darauf, dass die alten Kraftwerksgelände wertvolle industrielle Infrastruktur besitzen und sich dadurch neue Nutzungen anbieten. Markus Hacker, Senior Regional Director bei NVIDIA, beschreibt die Gegenseite: KI-Fabriken seien auf eine verlässliche Energieversorgung, passende Flächen und leistungsfähige Infrastruktur angewiesen – ehemalige Industriestandorte könnten dafür eine gute Basis sein.

Nvidia und PreussenElektra: Was feststeht und was offen ist
Grafik: dasTECHNO · Daten: PreussenElektra / NVIDIA, Mitteilung vom 21.10.2026

Welche Standorte sind im Gespräch?

Eine offizielle Liste mit Prioritäten gibt es nicht. Regionalmedien haben die Ankündigung jeweils auf ihre Gegend bezogen: Genannt werden unter anderem Unterweser in Kleinensiel (Landkreis Wesermarsch), Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont und Grafenrheinfeld bei Schweinfurt. In einzelnen Berichten tauchen außerdem Stade sowie Isar/Ohu in Bayern auf. Sie sollten diese Namen als Teil des untersuchten Portfolios verstehen, nicht als Auswahl: Welcher Standort am Ende in Frage kommt – und ob überhaupt einer –, ist offen.

Warum ausgerechnet alte Kernkraftwerke?

Der Engpass beim Bau großer KI-Rechenzentren ist in Deutschland selten das Gebäude, sondern der Stromanschluss. Neue Netzanschlüsse im dreistelligen Megawattbereich brauchen oft Jahre an Planung und Genehmigung. Kernkraftwerke waren als Großerzeuger direkt an das Höchstspannungsnetz angebunden; Umspannwerke, Leitungstrassen, Zufahrten und gewerblich gewidmete Flächen sind bereits vorhanden. Dazu kommt bei Standorten an Flüssen wie Weser oder Main die Nähe zu Wasser, das für die Kühlung relevant sein kann.

Wer ein solches Gelände nachnutzt, könnte also Zeit und Kosten gegenüber einem Neubau auf der grünen Wiese sparen – so zumindest die Überlegung hinter dem Vorstoß. Ob sich das rechnet, hängt allerdings davon ab, wie schnell Rückbauflächen freigegeben werden und woher der Strom künftig kommt. Die Kraftwerke selbst liefern keinen mehr: Grohnde ging Ende 2021 vom Netz, die letzten drei deutschen Anlagen – darunter Isar 2 von PreussenElektra – folgten im April 2023.

Was bedeutet das für Deutschland?

Der Vorstoß passt zu einer Reihe von Ankündigungen rund um Rechenzentren in Deutschland. NVIDIA hatte erst auf der GTC Berlin sein Container-Rechenzentrum DSX POD vorgestellt und dort auch Projekte für souveräne KI in Behörden gezeigt. Auch Cloud-Anbieter aus dem Ausland erweitern ihre Kapazitäten hierzulande, etwa Alibaba Cloud mit neuen Rechenzentren in Deutschland.

Für die betroffenen Gemeinden geht es um mehr als Technik. Nach dem Ende der Kernkraft fehlen dort Arbeitsplätze und Gewerbesteuer; eine Nachnutzung als Rechenzentrum würde zumindest einen Teil davon zurückbringen, allerdings mit deutlich weniger Personal als ein Kraftwerk. Gleichzeitig dauert der Rückbau der Anlagen noch Jahre, und radioaktive Abfälle lagern an mehreren Standorten in Zwischenlagern. Wie sich das mit einem Rechenzentrumsbetrieb vereinbaren lässt, gehört zu den regulatorischen Fragen, die die Prüfung erst klären soll.

Häufige Fragen

Baut NVIDIA jetzt Rechenzentren in alten Atomkraftwerken?

Nein. Bisher haben PreussenElektra und NVIDIA nur vereinbart, die Eignung der Standorte zu untersuchen. Investitionen oder Bauentscheidungen gibt es nicht.

Wem gehört PreussenElektra?

PreussenElektra gehört zum Energiekonzern E.ON und ist für den Rückbau von acht früheren Kernkraftwerken in Deutschland zuständig.

Wann fällt eine Entscheidung?

Dazu haben beide Unternehmen keinen Zeitplan genannt. Auch eine Investitionssumme wurde nicht veröffentlicht.

Was ist eine KI-Fabrik?

Mit dem Begriff bezeichnet NVIDIA große Rechenzentren, die speziell für das Training und den Betrieb von KI-Modellen ausgelegt sind und entsprechend viel Strom und Kühlung benötigen.

Titelbild: Kernkraftwerk Grohnde an der Weser (2021), Foto: JoachimKohler-HB / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.