Europäische Ermittler haben einen der größten bekannten Betrugsfälle im Smartphone-Handel aufgedeckt. Eine international organisierte Gruppe soll seit Jahren Handys aus gebrauchten Einzelteilen zusammengebaut, in täuschend echte Samsung-Kartons gepackt und als fabrikneue Geräte verkauft haben – nach Ermittlerangaben rund eine Million Stück. Ein großer Teil davon ging über Online-Marktplätze an Kundinnen und Kunden in Deutschland. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Was ist passiert?
Die Aktion wird von der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA) in Luxemburg geführt, weil der Fall viele Länder betrifft. Seit Samstag haben Steuerfahndung, Zoll und Polizei nach Angaben der Behörde mehr als 160 Objekte in 19 Ländern durchsucht, im Einsatz waren rund 1.770 Fahnderinnen und Fahnder. Der Schwerpunkt lag in Deutschland. Sieben Verdächtige wurden in Deutschland, Österreich und Spanien festgenommen, darunter nach EUStA-Angaben die beiden mutmaßlichen Anführer. Einer von ihnen wurde laut Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung in Düsseldorf gefasst.
Ermittelt wird unter anderem wegen bandenmäßiger Steuerhinterziehung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Neben Deutschland waren laut den Berichten unter anderem Österreich, Belgien, Italien, Spanien, die Schweiz, Luxemburg und die Niederlande betroffen.
So soll das System funktioniert haben
Nach dem bisherigen Ermittlungsstand kaufte die Gruppe gebrauchte Smartphone-Komponenten auf Märkten in Asien und im arabischen Raum. In Werkstätten in Hongkong und den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden die Teile gereinigt, zu vollständigen Geräten montiert und in Verpackungen gesteckt, die originalen Samsung-Kartons stark ähnelten – samt Versiegelung.
Der Weg nach Europa führte über die Niederlande in Lager in Deutschland, unter anderem in Krefeld. Von dort gingen die Geräte an Käufer in ganz Europa, verkauft als Neuware über große Online-Marktplätze, darunter Amazon. Über Scheinfirmen sollen die Lieferungen zudem so deklariert worden sein, als seien sie für Osteuropa bestimmt. Damit habe die Gruppe die Einfuhrumsatzsteuer umgangen, obwohl die meisten Handys tatsächlich bei Kunden in Deutschland landeten.
Wie groß ist der Schaden?
Den Umsatz der Gruppe beziffern die Ermittler auf mindestens 300 Millionen Euro. Beim Steuerschaden gehen die Angaben in den Berichten auseinander: Laut dpa geht es um mehr als 30 Millionen Euro an Mehrwertsteuer in mehreren EU-Staaten, nach WDR-Recherchen allein in Deutschland um rund 24 Millionen Euro. Auch beim Beginn der Masche nennen die Quellen unterschiedliche Jahre (2017 bzw. 2018). Belastbare Zahlen wird erst eine mögliche Anklage liefern.
Bemerkenswert: Die Händlerkonten sollen über Jahre gute Bewertungen gehabt haben. Beschwerden gab es trotzdem – etwa über Geräte, die sich ständig neu starten, oder über Handys, die sich als Modell für eine andere Region entpuppten.
Bin ich betroffen? Warnsignale im Überblick
Ob Ihr Gerät aus dieser Quelle stammt, lässt sich von außen kaum sicher sagen. Folgende Punkte sprechen aber dafür, genauer hinzuschauen – vor allem, wenn Sie ein Samsung-Handy bei einem Drittanbieter auf einem Marktplatz auffällig günstig als „neu“ gekauft haben:
| Warnsignal | Was Sie prüfen können |
|---|---|
| Ständige Neustarts, Abstürze | Tritt das Problem auch nach dem Zurücksetzen auf? Dann Fehler dokumentieren |
| Falsche Regionalversion | Menüsprache, Netzbänder oder Ladegerät passen nicht zum EU-Modell |
| IMEI stimmt nicht überein | Mit \*#06# anzeigen lassen und mit dem Aufkleber auf dem Karton vergleichen |
| Akku schwächelt schon bei Kauf | In der Samsung-Members-App die Diagnose des Akkus aufrufen |
| Gebrauchsspuren, lose Teile | Kratzer am Rahmen, Spalt zwischen Display und Gehäuse, Staub unter der Kamera |
Keines dieser Zeichen ist allein ein Beweis. Häufen sie sich, sollten Sie aber handeln. Wie Sie gebrauchte und generalüberholte Geräte generell prüfen, erklären wir ausführlich im Ratgeber Smartphone gebraucht oder refurbished kaufen.
Was können Käufer jetzt tun?
Wer ein Gerät als neu kauft und ein gebrauchtes erhält, bekommt nicht die vereinbarte Ware. Beim Kauf von einem Händler steht Ihnen dann die gesetzliche Gewährleistung zu. Zeigt sich ein Mangel innerhalb eines Jahres nach Übergabe, wird zu Ihren Gunsten vermutet, dass er schon beim Kauf bestand (§ 477 BGB). Praktisch heißt das:
- Rechnung, Bestellbestätigung und Karton aufbewahren. Ohne Kaufbeleg wird es schwierig.
- Verkäufer anschreiben und Nachbesserung oder Ersatz verlangen. Reagiert ein Marktplatzhändler nicht, wenden Sie sich an den Kundenservice der Plattform.
- Gerät im Zweifel bei einem autorisierten Samsung-Service prüfen lassen. Ein schriftlicher Befund hilft bei der Reklamation.
- Wenn Sie glauben, Opfer geworden zu sein, können Sie Anzeige bei der Polizei erstatten. Für eine rechtliche Einschätzung im Einzelfall ist die Verbraucherzentrale eine gute Anlaufstelle.
Eine öffentliche Liste betroffener Händler oder Seriennummern haben die Behörden bislang nicht veröffentlicht. Auch eine Stellungnahme von Samsung oder Amazon zu dem Fall lag bis zum Redaktionsschluss nicht vor.
Einordnung: Warum der Fall über Steuern hinausgeht
Die EUStA hat in den vergangenen Monaten mehrfach gegen Umsatzsteuerbetrug im Handel mit Handys ermittelt. Neu ist hier die Dimension für Verbraucher: Es geht nicht nur um hinterzogene Steuern, sondern um Geräte, die in großer Zahl mit falschen Versprechen in deutschen Haushalten gelandet sein sollen. Der Fall zeigt, wie schwer es für Käufer ist, auf Marktplätzen Neuware von aufbereiteter Ware zu unterscheiden, wenn Verpackung und Bewertungen stimmen. Seit Kurzem verlangt die EU zudem, dass Händler im Laden und online deutlicher auf die gesetzliche Gewährleistung hinweisen, mehr dazu in unserem Bericht zum neuen EU-Gewährleistungshinweis. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft beim Hersteller, bei bekannten Fachhändlern oder direkt beim Marktplatzbetreiber statt bei unbekannten Drittanbietern.
Häufige Fragen
Waren das gefälschte Samsung-Handys?
Nach bisherigen Angaben handelte es sich um Geräte aus gebrauchten, teils echten Komponenten, die als fabrikneue Samsung-Smartphones ausgegeben wurden. Die Verpackungen sollen Originalen täuschend ähnlich gewesen sein.
Wurden die Handys direkt von Amazon verkauft?
Die Berichte nennen Amazon als eine der Plattformen, über die die Geräte vertrieben wurden. Welche Händlerkonten genau betroffen sind, haben die Ermittler nicht öffentlich gemacht.
Bekomme ich mein Geld zurück?
Das hängt vom Einzelfall ab. Ihr erster Ansprechpartner ist der Verkäufer, bei Marktplätzen zusätzlich die Plattform. Ob es für Geschädigte ein gesondertes Verfahren gibt, ist bislang nicht bekannt.
Wie erkenne ich ein echtes Neugerät?
Sicherheit gibt es nur beim Kauf aus seriösen Quellen. Prüfen Sie nach dem Auspacken IMEI, Akkuzustand und Regionalversion und reklamieren Sie Auffälligkeiten sofort.
Titelbild: PantheraLeo1359531, CC BY 4.0 (Symbolbild, zeigt kein Gerät aus dem Verfahren).











