Wer gerade sein Informatikstudium abschließt, hat es auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich schwerer als seine Vorgänger. Eine am 23. September veröffentlichte Auswertung des Indeed Hiring Lab zeigt: Die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegsjobs lag im Juli 2026 rund 46 Prozent unter dem Niveau von 2019. In der Berufsgruppe IT-Anwendungen und -Lösungen sind die Junior-Stellen seit Anfang 2022 sogar um 77 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig halten sich Ausbildungsplätze erstaunlich gut – und die künstliche Intelligenz ist nach Einschätzung der Autorin nicht der alleinige Treiber.

Was genau hat Indeed ausgewertet?

Grundlage sind Stellenanzeigen auf Indeed in Deutschland, bezahlte wie unbezahlte. Als Einstiegsjob zählt eine Anzeige, wenn im Titel Begriffe wie „Junior“, „Berufseinsteiger“, „Trainee“, „Graduate“, „Absolvent“ oder „Young Professional“ stehen. Praktika und Werkstudentenstellen sowie Ausbildungsplätze (einschließlich dualem Studium) hat Indeed getrennt erfasst. Verantwortlich für die Analyse ist die Ökonomin Virginia Sondergeld.

Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um Anzeigen auf einer einzelnen Plattform, nicht um tatsächliche Einstellungen. Stellen, die ohne „Junior“ im Titel ausgeschrieben werden, fallen durch das Raster. Die Richtung der Entwicklung ist trotzdem klar.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

Kennzahl (Stellenanzeigen auf Indeed)Wert
Einstiegsjobs im Juli 2026 gegenüber 2019−46 %
Einstiegsjobs vom Hoch (Juli 2022) bis Juli 2026−67 %
Gesamtmarkt im Juli 2026 gegenüber 2019+8 %
Praktika und Werkstudentenjobs gegenüber 2019−24 %
Ausbildungsplätze (Aug. 2025–Juli 2026) gegenüber 2019+50 %
Berufsgruppen mit Rückgang bei Einstiegsjobs26 von 28

Bemerkenswert ist der Verlauf: Im Sommer 2022 lagen die Einstiegsjobs noch rund 75 Prozent über dem Vorkrisenniveau. Danach folgte der Absturz – deutlich steiler als beim Gesamtmarkt, der seit 2022 ebenfalls um 38 Prozent nachgegeben hat, aber immer noch leicht über 2019 liegt.

Welche Berufe trifft es am härtesten?

Einstiegsjobs nach Berufsgruppe: Veränderung 1. Halbjahr 2022 → 1. Halbjahr 2026
Grafik: dasTECHNO · Daten: Indeed Hiring Lab, Stellenanzeigen auf Indeed.de (Analyse vom 23.09.2026)

Die Einbrüche konzentrieren sich auf Wissensberufe am Schreibtisch. Bei Tech/IT-Anwendungen und -Lösungen sank die Zahl der Junior-Anzeigen von H1/2022 bis H1/2026 um 77 Prozent, im Marketing um 75 Prozent, in der Softwareentwicklung um 70 Prozent und im Projektmanagement um 60 Prozent. Auch Praktika in diesen Feldern haben sich etwa halbiert.

Zulegen konnten nur zwei Gruppen: Pflege, Medizin und Pharmazie (+18 %) sowie Gastronomie und Hotellerie (+10 %). Bei Praktika wuchs außerdem der Bereich Soziale Arbeit, Kinder und Bildung. Insgesamt schnitten 23 der 28 Berufsgruppen schlechter ab als der Gesamtmarkt.

Ist die KI schuld?

Indeed hat die Berufsgruppen danach sortiert, wie groß ihr KI-Transformationspotenzial ist. Gemeint ist, wie viel der typischen Tätigkeiten eines Berufs sich mit KI automatisieren oder zumindest erleichtern lässt. In Gruppen mit mehr als 60 Prozent Potenzial wurden im Juli 2026 nur etwa halb so viele Einstiegs-, Praktikums- und Werkstudentenstellen ausgeschrieben wie 2019. Wo das Potenzial unter 40 Prozent liegt, gibt es heute mindestens so viele Anzeigen wie vor der Pandemie.

Das klingt nach einem klaren Befund, doch der Zeitpunkt spricht dagegen: Die beiden Gruppen liefen bereits im Frühjahr 2022 auseinander – ein halbes Jahr vor dem Start von ChatGPT im November 2022. Indeed führt den Rückgang daher vor allem auf die schwache Konjunktur zurück, auf die Einstiegsstellen in Wissensberufen besonders empfindlich reagieren. „Anhand der aktuellen Datenlage lässt sich ein KI-Effekt bislang nicht belegen“, sagte Sondergeld dem Fachmagazin Personalwirtschaft. Dass KI künftig eine größere Rolle spielen kann, schließt die Analyse allerdings nicht aus.

Warum die Ausbildung zum Anker wird

Während Junior-Stellen wegbrechen, bleiben Ausbildungsplätze stabil. Im Ausbildungsjahr August 2025 bis Juli 2026 lagen sie rund 50 Prozent über 2019, auch wenn sie seit 2023/24 leicht nachgeben. In 20 von 23 vergleichbaren Berufsgruppen entwickelten sich Ausbildungsplätze besser als Einstiegsjobs.

Das deutlichste Beispiel liefert die Softwareentwicklung: Anzeigen für Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung liegen 27 Prozent über 2019, Junior-Stellen für Entwickler dagegen 70 Prozent unter dem Hoch. Indeed vermutet dahinter eine Risikoabwägung der Arbeitgeber: Auszubildende kosten weniger als Hochschulabsolventen und lassen sich im eigenen Betrieb qualifizieren.

Das duale System dürfte auch erklären, warum Deutschland im europäischen Vergleich noch glimpflich davonkommt. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg zwar von 5,9 Prozent (2023) auf 7,1 Prozent (2025), bleibt aber weit unter dem EU-Durchschnitt (15,2 %). Zum Vergleich: Spanien kam 2025 auf 24,9 %, Frankreich auf 19,8 %.

Was bedeutet das für Bewerberinnen und Bewerber?

Für Absolventinnen und Absolventen aus IT und Marketing heißt das zunächst: mehr Konkurrenz um weniger ausgeschriebene Junior-Stellen. Indeed warnt vor Kohorteneffekten – wer schwer in den Beruf findet, hat oft noch Jahre später schlechtere Beschäftigungs- und Gehaltsaussichten. Die Autorin fordert deshalb, Lehrpläne von Ausbildungen und Studiengängen grundlegend zu überarbeiten und die Zusammenarbeit von Mensch und KI in den Mittelpunkt zu stellen. Dass das funktionieren kann, zeigt laut Indeed die Reform der Ausbildung zur Steuerfachangestellten: Deren Automatisierungspotenzial sank damit von 100 auf 50 Prozent.

Wie Unternehmen selbst mit KI umgehen und welche Regeln dafür gelten, lesen Sie auch in unserem Bericht über die DSGVO-Reformwünsche der Wirtschaft und die Debatte im UN-Sicherheitsrat über KI.

Häufige Fragen

Wie stark sind IT-Einstiegsjobs zurückgegangen?

In der Berufsgruppe IT-Anwendungen und -Lösungen gab es auf Indeed in den ersten sechs Monaten 2026 um 77 Prozent weniger Junior-Anzeigen als im selben Zeitraum 2022, in der Softwareentwicklung um 70 Prozent.

Nimmt KI Berufseinsteigern die Jobs weg?

Belegen lässt sich das laut Indeed noch nicht. Berufe mit hohem KI-Potenzial sind zwar stärker betroffen, der Rückgang begann aber schon vor ChatGPT. Als Hauptursache gilt die schwache Konjunktur.

Lohnt sich eine Ausbildung statt eines Studiums?

Das hängt vom Einzelfall ab. Die Daten zeigen nur, dass Ausbildungsplätze – etwa für Fachinformatiker – derzeit deutlich häufiger ausgeschrieben werden als 2019, während Junior-Stellen für Absolventen seltener geworden sind.

Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Die Analyse beruht auf Stellenanzeigen einer einzigen Plattform und erfasst Einstiegsjobs über Stichwörter im Titel. Sie zeigt Trends, aber keine tatsächlichen Einstellungen.