Europa entwickelt die Technik für den Mobilfunk der nächsten Generation, verdient daran aber kaum Geld. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Brüsseler Thinktanks ECIPE (European Centre for International Political Economy) mit dem Titel „The 6G Wake-up Call for Europe“. Die Autoren um ECIPE-Direktor Fredrik Erixon rechnen für das kommende Jahrzehnt mit einer Investitionslücke von rund 200 Milliarden Euro in den europäischen Netzen und fordern weniger Regulierung, bevor 6G um das Jahr 2030 kommerziell startet.
Die wichtigsten Zahlen der Studie
Den Kern des Papiers bildet ein Widerspruch: Nokia und Ericsson gehören technologisch zur Weltspitze und kommen auf eine F&E-Quote von 18 Prozent gemessen am Nettoumsatz. Ihre operative Marge lag zuletzt aber bei nur etwa 3 Prozent. Große US-Digital- und Cloud-Plattformen kommen mit einer Forschungsquote von 15 Prozent auf rund 28 Prozent Marge. Chinesische Ausrüster wie Huawei und ZTE liegen laut ECIPE im Schnitt bei 7 Prozent.

| Kennzahl | Wert laut ECIPE |
|---|---|
| Benötigte Investitionen in EU-Mobilfunknetze (10 Jahre) | ca. 475 Mrd. Euro |
| Prognostizierte Investitionen | ca. 270 Mrd. Euro |
| Lücke | ca. 200 Mrd. Euro |
| 5G-Standalone-Verfügbarkeit 2025: China / USA | 81 % / 32 % |
| 5G-Standalone-Verfügbarkeit 2025: bester EU-Staat | unter 10 % |
| Private 5G-Netze in der EU / davon in Deutschland | 747 / 500 |
Die Standalone-Werte stammen laut Studie aus dem European 5G Observatory. Wichtig ist der Unterschied zum heute üblichen 5G: Viele Netze funken zwar mit 5G-Antennen, hängen im Kern aber noch an der 4G-Infrastruktur. Erst 5G Standalone (SA) mit eigenem Kernnetz ermöglicht Funktionen wie Network Slicing, also garantierte Bandbreite und Latenz für einzelne Kunden. Genau diese Dienste gelten als Geschäftsmodell, mit dem Netzbetreiber 6G refinanzieren sollen.
Warum Europa laut ECIPE zurückfällt
Die Autoren sehen das Problem weniger in der Technik als im Markt. Die europäische Telekom-Regulierung habe über Jahre vor allem auf niedrige Preise, Verbraucherschutz und Wettbewerb gesetzt. Das habe Netzbetreibern wenig Spielraum gelassen, höherwertige Dienste zu entwickeln und dafür auch höhere Preise zu verlangen. Hinzu komme ein sich überlagerndes Regelwerk: Genannt werden unter anderem der Data Act, die NIS2-Richtlinie, die Funkanlagenrichtlinie, der Cyber Resilience Act, die Netzneutralitätsverordnung und der geplante Digital Networks Act.
Weil 5G Standalone in der EU kaum verbreitet ist, fehlt den Unternehmen laut Studie außerdem praktische Erfahrung damit, wie sich fortgeschrittene Netzdienste profitabel betreiben lassen. Diese Erfahrung bräuchten sie aber für 6G.
Was die Studie fordert
ECIPE formuliert vier Empfehlungen an die EU:
- Die Telekom-Regulierung so umbauen, dass Betreiber fortgeschrittene, maßgeschneiderte Netzdienste anbieten können.
- Die Gesamtbelastung durch Regeln entlang der 6G-Wertschöpfungskette gemeinsam prüfen und Überschneidungen abbauen.
- 5G Standalone und private Netze als Brücke zu 6G ausbauen, mit klaren Migrationspfaden und Frequenzzugang.
- Öffentliche Förderung auf Bereiche konzentrieren, in denen europäische Firmen konkurrenzfähig sind: Ausrüstung, Software, Kernnetze, Edge-Dienste und Standardisierung.
Einordnen sollte man das Papier als wirtschaftspolitische Positionsschrift mit klaren Forderungen, nicht als neutrale Marktmessung. Einen Auftraggeber nennt die Studie nicht. Die Zahlen zu Margen und Netzausbau sind nachprüfbar, die Schlussfolgerungen sind eine Bewertung des Thinktanks.
Was bedeutet das für Deutschland?
Deutschland steht in der Studie zwiespältig da. Einerseits ist es mit 500 von 747 privaten 5G-Netzen in der EU klarer Spitzenreiter. Das liegt vor allem daran, dass die Bundesnetzagentur seit 2019 eigene Frequenzen im Bereich 3,7 bis 3,8 GHz für Campusnetze von Industrie und Forschung vergibt. Die übrigen 26 EU-Staaten kommen zusammen nur auf 247 solcher Netze.
Andererseits erreicht auch Deutschland bei der öffentlichen 5G-Standalone-Versorgung keinen zweistelligen Wert. Telekom, Vodafone und O2 Telefónica bauen SA zwar aus, für die meisten Kunden läuft 5G aber weiterhin im Non-Standalone-Modus. Für Privatkunden ändert sich durch die Studie kurzfristig nichts. Mittelfristig geht es aber um die Frage, ob Netzbetreiber in Europa für Premium-Dienste mehr verlangen dürfen und ob die Politik dafür Regeln lockert. Wie die Telekom ihre Investitionen derzeit priorisiert, zeigt etwa ihr KI-Investorentag. Auch beim Glasfaserausbau ringt die Bundesnetzagentur um Preisregeln für Open Access.
Häufige Fragen
Wann kommt 6G?
Die Standardisierung läuft bereits. Mit einem kommerziellen Start rechnet die Studie ab etwa 2030.
Was ist 5G Standalone?
5G Standalone ist ein 5G-Netz mit eigenem 5G-Kernnetz. Es ermöglicht niedrigere Latenzen und Dienste wie Network Slicing, die im verbreiteten Non-Standalone-Betrieb nicht oder nur eingeschränkt möglich sind.
Wer steht hinter ECIPE?
ECIPE ist ein wirtschaftspolitischer Thinktank mit Sitz in Brüssel, der sich mit Handel, Digitalwirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit befasst. Einen Auftraggeber für diese Studie nennt das Papier nicht.










