Der Claude-Entwickler Anthropic geht an die Börse. Am Montag, 26. Oktober 2026, hat das Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC einen Registrierungsantrag nach Form S-1 eingereicht. Gehandelt werden sollen Class-A-Stammaktien am Nasdaq Global Select Market unter dem Kürzel „ANT“. Wie viele Aktien Anthropic anbietet und zu welchem Preis, ist laut der offiziellen Mitteilung noch nicht festgelegt.

Mit dem Prospekt legt Anthropic zum ersten Mal ausführliche Geschäftszahlen offen – und die sind in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich.

Was Anthropic offiziell mitteilt

Die Ankündigung auf der Firmenwebsite ist knapp und folgt den US-Wertpapierregeln:

  • Antrag: Form S-1, eingereicht am 26.10.2026 durch die Anthropic, PBC.
  • Börsenplatz und Kürzel: Nasdaq Global Select Market, „ANT“, Aktiengattung Class A.
  • Konsortialführer: Goldman Sachs & Co. LLC und Morgan Stanley & Co. LLC.
  • Noch offen: Anzahl der angebotenen Aktien und Preisspanne.

Wichtig ist der rechtliche Hinweis: Der Registrierungsantrag ist noch nicht wirksam. Bis die SEC ihn freigibt, dürfen die Aktien weder verkauft noch verbindliche Kaufangebote angenommen werden. Die Mitteilung selbst ist ausdrücklich kein Verkaufsangebot.

Die Zahlen aus dem Börsenprospekt

Spannender als die Ankündigung ist das umfangreiche Dokument bei der SEC. Laut Prospekt, über den unter anderem Fortune und VentureBeat berichten, hat sich das Geschäft binnen eines Jahres vervielfacht:

Anthropic-Börsenprospekt: Zahlen für das erste Halbjahr
Grafik: dasTECHNO · Daten: Anthropic, Form S-1 (SEC, 26.10.2026)

Der Umsatz im ersten Halbjahr 2026 lag bei 16,3 Milliarden US-Dollar. Zum EZB-Referenzkurs vom 26. Oktober (1 Euro = 1,1188 Dollar) sind das rund 14,6 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es 1,16 Milliarden Dollar. Nach Angaben von VentureBeat stammen rund 80 % der Erlöse aus nutzungsabhängiger Abrechnung, also vor allem aus der API und Unternehmensverträgen. Mehr als 1.900 Kunden zahlen demnach jeweils über eine Million Dollar pro Jahr, über 250 sogar mehr als zehn Millionen.

Gleichzeitig wachsen die Kosten. Allein für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic im Halbjahr 8,95 Milliarden Dollar aus, nach 2,33 Milliarden im Vorjahr. Das Betriebsergebnis blieb mit minus 693 Millionen Dollar negativ, fiel aber deutlich besser aus als die minus 2,14 Milliarden ein Jahr zuvor. Rechnet man aktienbasierte Vergütung heraus, steht ein bereinigter operativer Gewinn von rund 1,6 Milliarden Dollar. Der operative Cashflow drehte von rund minus 1,5 auf plus 3,9 Milliarden Dollar.

Warum 80,7 Milliarden Dollar Verlust kein Kassenloch sind

Die Zahl, die am meisten Schlagzeilen macht, ist der Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar (rund 72,1 Milliarden Euro). Sie verdient eine Einordnung. Den mit Abstand größten Teil, 72,4 Milliarden Dollar, verursacht die Neubewertung von Wandelanleihen und ähnlichen Finanzierungsinstrumenten.

Der Mechanismus: Investoren haben Anthropic Geld gegen Anleihen geliehen, die später in Aktien umgewandelt werden können. Steigt der Wert des Unternehmens, steigt auch der Wert dieser Umtauschrechte – und diese Differenz muss Anthropic in der Bilanz als Aufwand verbuchen. Es fließt dabei kein Geld ab. Paradoxerweise wird der Buchverlust also umso größer, je wertvoller das Unternehmen geworden ist. Für die Beurteilung des laufenden Geschäfts sind Umsatz, Betriebsergebnis und Cashflow aussagekräftiger.

Risiken, die der Prospekt nennt

Ein S-1 listet auch Schwachstellen auf. Laut Fortune entfallen etwa 25 % des Umsatzes auf die fünf größten Kunden. Knapp die Hälfte der Erlöse läuft über die Cloud-Marktplätze von Amazon, Google und Microsoft – also über Konzerne, die zugleich Partner, Investoren und teils Konkurrenten sind. Zum Stichtag 30. September beschäftigte Anthropic rund 5.300 Mitarbeitende.

Hinzu kommt eine besondere Unternehmensform. Anthropic ist eine Public Benefit Corporation, also gesetzlich auch einem Gemeinwohlzweck verpflichtet. Fortune zufolge sieht der Prospekt eine Struktur mit mehreren Aktiengattungen vor, die den sieben Mitgründern viel Stimmgewicht sichert. Außerdem spielt der sogenannte Long-Term Benefit Trust, ein unabhängiges Gremium, weiterhin eine Rolle in der Unternehmensführung. Wer Class-A-Aktien kauft, erwirbt damit nur begrenzten Einfluss auf strategische Entscheidungen.

Wann und zu welcher Bewertung?

Einen Termin für die Erstnotiz hat Anthropic nicht genannt. US-Medien berichten übereinstimmend, dass der Börsengang noch im November angestrebt wird, also vor dem amerikanischen Thanksgiving-Fest am 26. November. Auch eine Bewertung nennt Anthropic nicht. In Berichten ist von etwa 1,5 bis 2 Billionen Dollar die Rede – das wäre einer der größten Börsengänge überhaupt. Bestätigt sind diese Werte nicht; maßgeblich wird erst die Preisspanne im aktualisierten Prospekt.

PunktStand 26.10.2026
AntragForm S-1 bei der SEC eingereicht
Börse / KürzelNasdaq Global Select Market / ANT
KonsortialführerGoldman Sachs, Morgan Stanley
Preisspanne, Aktienzahlnoch nicht festgelegt
Terminnicht offiziell; Berichte: November 2026
Bewertungnicht offiziell; Berichte: ca. 1,5–2 Bio. $

Was bedeutet das für Deutschland?

Für Nutzerinnen und Nutzer von Claude in Deutschland ändert sich durch den Antrag zunächst nichts: Abos, Preise und Datenschutzbedingungen bleiben, soweit bekannt, gleich. Anthropic ist hierzulande seit Ende 2025 mit einem Büro in München vertreten.

Für Anlegerinnen und Anleger gilt: Bei US-Börsengängen werden die Aktien in der Zeichnungsphase meist über die beteiligten Banken an institutionelle Investoren verteilt. Ob und über welche Broker Privatanleger in Deutschland schon bei der Zuteilung zum Zug kommen, ist offen. Nach Handelsstart sind Nasdaq-Werte in der Regel auch über deutsche Depots handelbar. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.

Der Börsengang folgt auf ein Jahr mit großen Infrastruktur-Deals, etwa dem Cloud-Vertrag mit Akamai über 11,6 Milliarden Dollar, und auf den Start des aktuellen Spitzenmodells Claude Opus 5.5.

Häufige Fragen

Kann man Anthropic-Aktien schon kaufen?

Nein. Der Registrierungsantrag ist noch nicht wirksam; Preisspanne und Aktienzahl stehen nicht fest. Vorher dürfen keine Aktien verkauft werden.

Unter welchem Kürzel wird Anthropic gehandelt?

Unter „ANT“ am Nasdaq Global Select Market.

Macht Anthropic wirklich 80 Milliarden Dollar Verlust?

Buchhalterisch ja, im ersten Halbjahr 2026. Davon gehen aber 72,4 Milliarden Dollar auf die Neubewertung von Wandelanleihen zurück, ohne dass Geld abfließt. Der operative Cashflow war positiv.

Wann findet der Börsengang statt?

Einen offiziellen Termin gibt es nicht. Medien berichten von einem Ziel im November 2026.

Titelbild: Anthropic.