Die Berliner Suchmaschine Ecosia wechselt erneut den Lieferanten für ihre KI-Funktionen. Statt Modellen des französischen Start-ups Mistral nutzt Ecosia seit Oktober 2026 offene Sprachmodelle, die über die deutsche Plattform Melious bereitgestellt werden. Unter den genannten Modellen stammen alle von chinesischen Entwicklern – die Rechenzentren stehen jedoch in der EU.

Brisant ist der Schritt, weil Ecosia erst im Mai 2026 von OpenAI zu Mistral gewechselt war und das damals ausdrücklich mit europäischer Unabhängigkeit begründet hatte. Was steckt hinter der Kehrtwende, und ändert sich für Nutzerinnen und Nutzer etwas?

Warum Ecosia Mistral verlässt

Ecosia-Gründer und -Chef Christian Kroll nennt laut Caschys Blog im Kern drei Gründe:

  1. Qualität: Die Mistral-Modelle hinkten der Konkurrenz nach seiner Einschätzung um etwa ein Jahr hinterher.
  2. Technik: Es habe wiederholt Probleme gegeben, die Server seien überlastet gewesen. Ecosia sei als Kunde schlicht zu groß für Mistrals Kapazitäten gewesen.
  3. Strategie: Der hohe Atomstromanteil in Frankreich passe nicht zu Ecosias Umweltzielen. Zudem sieht Kroll Mistrals Unabhängigkeit durch große Beteiligungen internationaler Investoren wie Nvidia und Samsung relativiert.

Hinzu kommt das Geld: Nach Krolls Angaben hat der Wechsel die Betriebskosten ungefähr halbiert, während die Antwortqualität gestiegen sei. Konkrete Zahlen hat Ecosia dazu nicht veröffentlicht.

Ecosia KI: Wer liefert die Modelle?
Grafik: dasTECHNO · Daten: Ecosia, Melious, Caschys Blog, Trending Topics (Politico)

Welche Modelle jetzt im Einsatz sind

In den Berichten werden Modelle von vier chinesischen Anbietern genannt: GLM 5.3 von Z.ai, Kimi K3 von Moonshot AI, DeepSeek V4.1 Flash sowie Modelle der Qwen-Familie von Alibaba. Es handelt sich um Open-Weight-Modelle, deren Gewichte frei verfügbar sind. Dadurch kann sie jeder Anbieter auf eigener Hardware betreiben – eine Verbindung zu Servern in China ist dafür nicht nötig.

Genau hier setzt Melious an. Die Melious AI GmbH mit Sitz in Deutschland bietet über eine einzige Schnittstelle Zugriff auf zahlreiche offene Modelle. Die Infrastruktur verteilt sich laut Unternehmen auf acht europäische Länder, darunter Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Irland, Schweden, Finnland und Luxemburg. Anfragen sollen Europa damit nicht verlassen.

Zur Frage politischer Verzerrungen in chinesischen Modellen zeigt sich Kroll gelassen: Solche Tendenzen ließen sich mit Filtern und Nachtraining in den Griff bekommen, sagte er laut Caschys Blog.

Neue Funktionen der Ecosia-KI: Datei-Upload und Spracheingabe
Bild: Ecosia

Was ändert sich für Ecosia-Nutzer?

Im Alltag vermutlich wenig. Der Wechsel betrifft die Technik im Hintergrund, also die KI-Zusammenfassungen über den Suchergebnissen und den KI-Chat. Wer KI grundsätzlich nicht nutzen möchte, kann sie seit Juli 2026 in den Einstellungen über die Option „KI-freie Suche“ komplett abschalten; die klassische Websuche und die Baumpflanzungen laufen davon unabhängig weiter.

Bemerkenswert: Das deutsche Hilfe-Center von Ecosia nennt zum Zeitpunkt dieses Artikels noch Mistral-Modelle (Mistral Small 3.2 für die KI-Übersichten, Mistral Small 4 für den Chat). Die Seite scheint noch nicht an den Wechsel angepasst worden zu sein.

Was bedeutet das für Europas KI-Souveränität?

Der Fall zeigt ein Dilemma der europäischen Debatte. Ein europäisches Unternehmen verlässt einen europäischen Modellanbieter und landet bei Modellen aus China – betreibt diese aber auf deutscher und europäischer Infrastruktur. Souveränität wird hier also über den Ort der Datenverarbeitung definiert, nicht über die Herkunft des Modells. Offene Gewichte machen das möglich, denn sie lassen sich prüfen, anpassen und unabhängig vom Entwickler betreiben.

Ganz unproblematisch ist das nicht: Z.ai steht laut Trending Topics seit 2025 auf der Entity List der US-Regierung. Für Unternehmen mit US-Geschäft kann die Wahl solcher Modelle daher Fragen aufwerfen.

Einen anderen Weg gehen deutsche Modellentwickler wie Aleph Alpha, das mit Kolibri ein eigenes Open-Weight-Modell für Behörden und Industrie vorgestellt hat. Wie stark ausländische Anbieter in hiesige Rechenzentren investieren, zeigt auch der Ausbau von Alibaba Cloud in Deutschland.

Mistral selbst hat diese Woche sein neues Modell Large 4 vorgestellt. Mitgründer Guillaume Lample bot Ecosia laut Caschys Blog an, das System vorab auszuprobieren.

Häufige Fragen

Ist Ecosias KI jetzt chinesisch?

Die Modelle stammen von chinesischen Entwicklern, laufen aber laut Melious auf Servern in acht EU-Ländern. Die Daten sollen Europa nicht verlassen.

Kann ich die KI bei Ecosia ausschalten?

Ja. Über Profil und Einstellungen lässt sich die „KI-freie Suche“ aktivieren. Dann blendet Ecosia KI-Übersichten und den KI-Chat aus.

Warum hat Ecosia Mistral verlassen?

Laut CEO Christian Kroll wegen schwächerer Modellqualität, überlasteter Server und Zweifeln an Mistrals Unabhängigkeit. Zudem seien die Kosten mit dem neuen Ansatz etwa halbiert worden.